TMS-Auswahl unter NIS2-Zeitdruck: Wie deutsche Transportunternehmen bis März 2026 Cybersicherheits-Compliance nutzen, um Implementierungsrisiken zu minimieren und Verhandlungsmacht zu maximieren
Deutschland hat NIS2 am 6. Dezember 2025 ohne Übergangsfrist in Kraft gesetzt – und die Zeit läuft ab: bis zum 6. März 2026 müssen sich rund 29.000 betroffene deutsche Unternehmen beim BSI registrieren. Das betrifft Transportunternehmen mit über 50 Mitarbeitern oder mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz in einer besonders vulnerablen Phase: Sie müssen gleichzeitig TMS-Beschaffungsentscheidungen treffen und sofortige Compliance-Maßnahmen umsetzen.
Diese Konstellation schafft eine einmalige strategische Gelegenheit. Verstöße gegen NIS2 können bis zu 10 Millionen Euro oder 2 Prozent des Jahresumsatzes kosten – doch der regulatorische Zeitdruck lässt sich als Verhandlungshebel für bessere TMS-Vertragskonditionen und nachhaltigen Schutz vor Vendor-Lock-in nutzen.
NIS2 schafft unmittelbaren Handlungsdruck für deutsche TMS-Nutzer
Die neuen Anforderungen gelten sofort seit 6. Dezember 2025 – es gibt keine allgemeine Übergangsfrist. Von ursprünglich etwa 4.500 regulierten Unternehmen steigt die Zahl auf rund 29.000, darunter viele mittelständische Transportunternehmen, die bisher unter dem regulatorischen Radar flogen.
Der zentrale Paragraph 30 BSI-Gesetz verlangt von betroffenen Unternehmen die Umsetzung angemessener, wirksamer und verhältnismäßiger technischer und organisatorischer Maßnahmen zur Gewährleistung der Verfügbarkeit, Integrität und Vertraulichkeit ihrer IT-Systeme. Das bedeutet konkret: alle IT-Systeme, nicht nur kritische Services.
Welche Transportunternehmen sind betroffen
Die Sektoren umfassen Energie, Transport, Finanzdienstleistungen, Gesundheit und digitale Infrastruktur. Unternehmen fallen in den Anwendungsbereich, wenn ihre Aktivitäten in einen der in den Anhängen 1 und 2 zum BSI-Gesetz aufgeführten Bereiche fallen und die Größenschwelle überschreiten.
Betroffen sind natürliche oder juristische Personen, die Waren oder Dienstleistungen gegen Entgelt anbieten, in den relevanten Sektoren (z.B. Energie, Transport und Verkehr, Finanzen und Gesundheit, Wasser, digitale Infrastruktur, Weltraum) tätig sind und mindestens 50 Mitarbeiter beschäftigen oder einen Jahresumsatz und eine Jahresbilanzsumme von jeweils mehr als 10 Millionen Euro haben.
Das BSI stellt ein Impact-Assessment-Tool zur Verfügung, mit dem Unternehmen eine erste Überprüfung durchführen können, jedoch ist diese Bewertung nicht rechtsverbindlich und ersetzt nicht die Selbstidentifizierung.
TMS-Anbieter auf NIS2-Readiness prüfen – Der entscheidende Vendor-Filter
NIS2 erweitert die erforderlichen Cybersicherheitsmaßnahmen erheblich. Während das bisherige deutsche IT-Sicherheitsgesetz Schutzmaßnahmen nur für IT-Systeme vorsah, die für die Erbringung kritischer Dienste wesentlich sind, dehnt das neue Gesetz diese Maßnahmen auf alle IT-Systeme aus, die betroffene Unternehmen betreiben – einschließlich beispielsweise Büro-IT.
Betroffene Unternehmen müssen ihre Compliance mit diesen Maßnahmen nach dem BSI-Gesetz dokumentieren. Das macht TMS-Anbieter ohne dokumentierte NIS2-Readiness zu einem Compliance-Risiko. Jede TMS-Ausschreibung sollte daher dezidierte NIS2-Compliance-Nachweise fordern.
Unter NIS2 ist das Seniormanagement direkt für die Cybersicherheits-Compliance verantwortlich und Unternehmen müssen Cybersicherheitspraktiken in der gesamten Lieferkette implementieren, mit klaren Anforderungen für Lieferanten und Serviceanbieter.
Konkrete NIS2-Compliance-Kriterien für TMS-Auswahl
Bei der TMS-Evaluierung sollten Sie diese NIS2-spezifischen Kriterien prüfen:
Mehrfaktor-Authentifizierung (MFA) ist obligatorisch, mit alternativen Authentifizierungsmaßnahmen, wo MFA nicht umsetzbar ist. Sensible Daten müssen im Ruhezustand und bei der Übertragung verschlüsselt werden, mit regelmäßig getesteten Backups zur schnellen Wiederherstellung im Falle einer Verletzung.
Signifikante Vorfälle erfordern eine Erstmeldung innerhalb von 24 Stunden, einen detaillierten Bericht innerhalb von 72 Stunden und einen Abschlussbericht innerhalb eines Monats nach der Nachverfolgung.
Achten Sie darauf, wie verschiedene Anbieter mit NIS2-Anforderungen umgehen. Während Cargoson bereits ISO 27001-zertifizierte Infrastruktur und dokumentierte Incident-Response-Prozesse bietet, variiert die NIS2-Readiness bei anderen Anbietern wie nShift, Transporeon oder Alpega erheblich.
Strategische Verhandlungsmacht durch regulatorischen Zeitdruck
Der März-2026-Stichtag schafft eine paradoxe Situation: Die deutsche Regierung schätzt jährliche Compliance-Kostensteigerungen von etwa 2,3 Milliarden Euro für die Volkswirtschaft sowie einmalige Implementierungskosten von etwa 2,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig müssen TMS-Anbieter beweisen, dass sie diese Anforderungen erfüllen können.
Nutzen Sie diese Konstellation strategisch: TMS-Anbieter brauchen Ihre Zusage, um ihre eigenen NIS2-Entwicklungsinvestitionen zu rechtfertigen. Ihre Verhandlungsmacht ist am stärksten, wenn Anbieter Ihr Commitment benötigen.
Kostenrisiken bei reaktiver vs. proaktiver Beschaffung
Ein Praxisbeispiel aus dem deutschen Mittelstand zeigt die Kostendimension: Ein Logistikdienstleister mit 120 Mitarbeitern musste nach der NIS2-Inkraftsetzung sein bestehendes TMS nachträglich aufrüsten. Die Kosten: über 200.000 Euro zusätzlich für Compliance-Module, Dokumentationssysteme und externe Beratung – Kosten, die bei einer proaktiven Beschaffung in den ursprünglichen Verhandlungen hätten vermieden werden können.
Versteckte Implementierungskosten bei unvorbereiteten TMS-Plattformen umfassen oft: zusätzliche Middleware für Logging und Monitoring, externe Sicherheitsaudits für Compliance-Nachweis, und Schulungsaufwand für erweiterte Benutzerrechte-Verwaltung.
Praktische Umsetzung bis März 2026 – Der BSI-Registrierungspfad
Das BSI hat einen zweistufigen Registrierungsprozess angekündigt. Zunächst müssen Unternehmen ein Unternehmenskonto (MUK) einrichten, das als Authentifizierungsebene dient und auf ELSTER-Organisationszertifikaten basiert. Das BSI empfiehlt, dieses Konto bis Ende 2025 zu erstellen.
Was viele überrascht: Für die Registrierung ist ein ELSTER-Organisationszertifikat erforderlich. Das passiert nicht über Nacht. Die Bearbeitung dauert laut TÜV SÜD fünf bis zehn Werktage. Wer also bis kurz vor dem 6. März wartet, könnte allein an dieser Anforderung scheitern.
Die Registrierung erfolgt über das Anfang 2026 gestartete Portal des BSI, das als zentrale Anlaufstelle für alle NIS-2-Verpflichtungen dient.
TMS-Integration mit bestehender IT-Governance
Bestehende ausgereifte Programme (z.B. ISO 27001) erfüllen etwa 70-80% der Anforderungen, aber eine strukturierte Gap-Analyse ist dennoch erforderlich. TMS-Anbieter, die bereits ISO 27001-zertifiziert sind, haben einen Vorsprung, müssen aber dennoch NIS2-spezifische Dokumentations- und Reporting-Anforderungen erfüllen.
Die Integration variiert je nach Anbieter: Während SAP TM und Oracle TM etablierte Governance-Frameworks bieten, unterscheiden sich cloud-native Lösungen wie Cargoson durch bereits integrierte Compliance-Dokumentation und EU-Rechenzentrumsstandorte.
Enforcement-Risiken und Strafen als TMS-Entscheidungsfaktor
Die BSI-Durchsetzungsbefugnisse gehen weit über Geldstrafen hinaus. Wenn Sie vorsätzlich fahrlässig sind und wiederholt Ihre Verpflichtungen nicht erfüllen, kann das BSI Betriebslizenzen widerrufen und Ihr Geschäftsrecht einschränken, bis Sie die Situation bereinigen. Mit anderen Worten: Sie können aus dem Geschäft gedrängt werden, wenn Sie nicht den Regeln entsprechen!
Besonders wichtige Unternehmen (bwE) unterliegen einer Vielzahl neuer Anforderungen, einschließlich: Registrierung beim BSI, Meldepflichten, Lieferketten-Monitoring, Audits und mehr.
Fallstricke bei TMS-Anbieterwechsel nach März 2026
Ein TMS-Wechsel nach der BSI-Registrierung wird komplexer: Jede Änderung muss innerhalb von zwei Wochen gemeldet werden. Das Portal dient auch der Meldung von Sicherheitsvorfällen. Ein ungeplanter Anbieterwechsel während laufender BSI-Überwachung kann zu Compliance-Unterbrechungen führen.
Vendor-Lock-in-Risiken verstärken sich durch Compliance-Anforderungen: Die Migration zwischen TMS-Systemen muss Audit-Trail-Kontinuität gewährleisten und darf die 24-Stunden-Meldepflicht nicht gefährden. Vertragsklauseln sollten daher explizit Migrationshilfen und Datenübergabe-Protokolle vorsehen.
Fazit: Nutzen Sie den NIS2-Zeitdruck als strategischen Verhandlungshebel. Stellen Sie NIS2-Compliance als Baseline-Anforderung auf, nicht als kostenpflichtiges Upgrade. Sichern Sie sich vertraglichen Schutz vor Kostensteigerungen bei zukünftigen Compliance-Updates und fordern Sie klare Dokumentation aller sicherheitsrelevanten Prozesse. Die Unternehmen, die jetzt proaktiv handeln, werden nicht nur regulatorische Sicherheit gewinnen, sondern auch langfristig bessere TMS-Verträge abschließen.