Multi-Carrier-TMS für Verlader: 8 Anbieter im Test
Multi-Carrier-TMS im Vergleich: 8 Anbieter nach DACH-Kriterien wie Rechenzentrum, SAP-Anbindung und Preistransparenz bewertet – inklusive Fazit für Einkäufer.
Wer 2026 eine Carrier-Integration-Software auswählt, kauft nicht mehr das Produkt, das er vor zwei Jahren evaluiert hat. Die Konsolidierungswelle 2025/26 hat praktisch jeden namhaften Anbieter in diesem Segment neu zusammengesetzt: Transporeon gehört jetzt vollständig zu Trimble, MercuryGate ist unter der Marke Infios verschwunden, E2open steht unter WiseTech-Kontrolle und Descartes hat mit 3Gtms einen weiteren nordamerikanischen Player geschluckt. Für DACH-Einkäufer heißt das: Der Name auf der Visitenkarte sagt wenig darüber aus, wo Ihre Daten liegen, wer den AVV unterschreibt und ob der Support noch auf Deutsch antwortet. Dieser Multi-Carrier-TMS Vergleich ordnet acht Plattformen nach vier festen Kriterien, die für Verlader in Deutschland, Österreich und der Schweiz tatsächlich zählen.
Die Bewertungskriterien – für alle Anbieter gleich angewendet
Vier Kriterien entscheiden in der Praxis, ob eine Carrier-Konnektivitäts-Plattform in einer DACH-IT-Landschaft funktioniert oder zum Compliance-Risiko wird. Wir wenden sie auf jeden der acht Anbieter identisch an:
- Rechenzentrumsstandort und DSGVO-Status: Wo liegen die Daten physisch, und hat sich das durch die jüngste Übernahme geändert? Ein Anbieterwechsel im Konzern bedeutet fast immer einen neuen oder geänderten Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO.
- SAP/ERP-Integrationstiefe: Reicht die Anbindung über REST-APIs, oder gibt es belastbare IDoc- und EDIFACT-Strecken für gewachsene SAP-Landschaften?
- Preistransparenz: Sind Preise öffentlich einsehbar, oder verschwindet jede Kalkulation hinter einem Vertriebsgespräch?
- Deutschsprachiger Support und SLA: Gibt es Support-Zeiten und Eskalationspfade in deutscher Sprache, oder landet jede Störungsmeldung in einer US- oder Asien-Zeitzone?
Die acht Plattformen im Vergleich
1. Transporeon (a Trimble company)
Transporeon wurde in Ulm gegründet und war bis vor wenigen Jahren einer der wenigen europäischen TMS-Anbieter mit echter Marktmacht bei Speditionen. Transporeon, founded in 2000, is based in Ulm, Germany, mit rund 1.000 Mitarbeitenden und cloudbasierten Lösungen für End-to-End-Transportlogistik-Management für Verlader, Lieferanten, Händler, Warenempfänger und Carrier. Trimble hat die Übernahme im April 2023 mit einem Cash-Deal über 1,98 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Inzwischen ist die Integration so weit fortgeschritten, dass Trimbles Übernahme von Transporeon 2022 ein weiteres Produkt hervorgebracht hat: ein speziell auf US-Verlader zugeschnittenes TMS, was zeigt, wohin die Produktentwicklungsressourcen inzwischen fließen. Für DACH-Bestandskunden bedeutet das: Das europäische Kerngeschäft läuft weiter, aber Roadmap-Priorität und Support-Struktur werden zunehmend aus den USA gesteuert. Wer heute neu einsteigt, sollte den aktuellen AVV und den Rechenzentrumsstandort explizit prüfen, nicht den Stand von 2022 fortschreiben.
2. Infios (vormals MercuryGate, Körber-Gruppe)
Infios ist das Ergebnis eines Rebrandings, das auf eine Übernahme folgte. Der neue Markenname bringt die Stärken von Körber Supply Chain Software und dem TMS-Anbieter MercuryGate zusammen, den Körber 2024 übernommen hat. Als Joint Venture zwischen Körber AG und KKR bedient Infios mehr als 5.000 Kunden in 70 Ländern und deckt neben Transportmanagement auch Lagerhaltung und Order Management ab. Für Mittelständler mit bestehender Körber-WMS-Installation ist das attraktiv, weil Transport und Warehouse aus einer Hand kommen. Die DACH-Schwachstelle liegt in der Übergangsphase selbst: Wer als reiner MercuryGate-Bestandskunde übernommen wurde, sollte prüfen, ob Vertrag, Support-Team und Rechenzentrumszuordnung tatsächlich schon auf Infios migriert sind oder noch in der alten Struktur laufen.
3. E2open (jetzt Teil von WiseTech Global/CargoWise)
E2open war lange ein eigenständiger Anbieter für Handels- und Supply-Chain-Software mit TMS-Modul. WiseTech Global hat die Übernahme von E2open Parent Holdings für 3,30 US-Dollar je Aktie abgeschlossen, was einem Unternehmenswert von 2,1 Milliarden US-Dollar entspricht. Damit erweitert WiseTech, dessen Fokus bislang vor allem auf Logistikdienstleistern lag, sein Angebot um globalen und domestischen Handel für Einkäufer, Importeure, Exporteure, Verlader und Hersteller. Für europäische Konzerne mit globalem Handelsnetzwerk ist das eine der breitesten verfügbaren Suiten. Die DACH-Realität: CargoWise-Implementierungen sind komplex und personalintensiv, und die Integration von E2open in die australische Konzernstruktur ist noch nicht abgeschlossen, was Roadmap-Aussagen für 2026/27 unsicher macht.
4. Alpega TMS
Alpega bündelt Transportmanagement und Frachtbörse in einer europäisch geprägten Modulstruktur und positioniert sich traditionell im gehobenen Mittelstand mit Fokus auf Straßenfracht und Ausschreibungsmanagement. Die Preisgestaltung folgt dem Standard des Segments: keine öffentliche Preisliste, sondern individuelle Angebote nach Modulauswahl. Für Verlader mit überschaubarer Carrier-Anzahl, aber intensivem Ausschreibungsbedarf, ist das oft passender als eine globale Enterprise-Suite. Schwachstelle für DACH: Die Tiefe der SAP-IDoc-Anbindung variiert je nach Modul und muss projektbezogen geprüft werden, eine pauschale Aussage gibt es nicht.
5. Descartes (inklusive 3Gtms seit März 2025)
Descartes hat sein nordamerikanisches TMS-Portfolio zuletzt gezielt verstärkt. Descartes Systems Group hat den Transportmanagement-Spezialisten 3GTMS für 115 Millionen US-Dollar übernommen, wie am 25. März 2025 bekannt wurde. 3GTMS-Produkte werden von Verladern, Third-Party-Logistics-Anbietern und Frachtmaklern genutzt, um Planung, Preisfindung, Konsolidierung und Routing von Straßenfracht zu automatisieren. Descartes bringt zusätzlich starke Zoll- und Visibility-Module mit, was für Unternehmen mit intensivem Außenhandel relevant ist. Die DACH-Schwachstelle: 3Gtms ist klar auf den nordamerikanischen Markt zugeschnitten, europäische Zoll- und eFTI-Anforderungen laufen über andere Descartes-Module, die separat lizenziert werden müssen.
6. Shiptify
Shiptify positioniert sich als Alternative zu Punktlösungen, indem Carrier-Kollaboration, Frachteinkauf und Sichtbarkeit über Straße, See und Luft in einer Plattform zusammengeführt werden. Mehr als 8.000 Carrier arbeiten täglich mit ihren Kunden weltweit auf Shiptify zusammen. Für Mittelständler, die mehrere Frachtmodi ohne Enterprise-Projektaufwand bündeln wollen, ist das interessant. Die Schwachstelle: Öffentlich zugängliche Preisangaben fehlen weitgehend, und die europäische Rechenzentrumszuordnung sollte im Angebot explizit abgefragt werden, da Shiptify auch außereuropäische Kunden bedient.
7. ShippyPro
ShippyPro kommt aus dem italienischen E-Commerce-Umfeld und deckt eine breite Zahl an Paketdienstleistern ab, mit Fokus auf Versandetiketten, Rückgabeprozesse und Checkout-Integration für Onlinehändler. Für reine Parcel-Logistik im DACH-Raum ist das eine solide, schnell einzurichtende Lösung. Sobald jedoch Stückgut, Teilladung oder komplexe Zollprozesse ins Spiel kommen, stößt die Plattform an ihre Grenzen, sie ist als Parcel-Werkzeug konzipiert, nicht als vollwertiges Fracht-TMS.
8. Cargoson
Cargoson ist ein EU-Anbieter mit Sitz in Tallinn, Estland, der sich explizit auf Carrier-Integration und Frachtkostenvergleich für Verlader spezialisiert hat statt auf eine umfassende Dispositions-Suite für Speditionen. Die Plattform verbindet Unternehmen mit sämtlichen Frachtführern, automatisiert Versandprozesse und steuert Logistikabläufe über ein einziges Dashboard, gegründet 2018 mit Sitz in Tallinn. Die API-Infrastruktur erfüllt europäische Compliance-Standards, darunter DSGVO-konforme Datenhaltung innerhalb Europas. Das macht Cargoson für Mittelständler interessant, die vor allem Frachtraten vergleichen und Carrier ohne SAP-Großprojekt anbinden wollen. Die Schwachstelle: Cargoson ist bewusst kein vollumfängliches Dispositions-TMS für Speditionen mit komplexer Tourenplanung, wer das braucht, landet eher bei Alpega oder Infios.
Enterprise-Suiten vs. spezialisierte Konnektivitäts-Plattformen
Ein Einzelranking über alle acht Anbieter hinweg würde die Realität verzerren: Transporeon, Infios, E2open und Descartes sind heute Teile globaler Konzerne mit entsprechend komplexen Implementierungsprojekten, während Alpega, Shiptify, ShippyPro und Cargoson eher als fokussierte Konnektivitäts-Schicht auf bestehende ERP-Systeme aufsetzen. Die folgende Tabelle gruppiert nach den vier Kriterien statt einer erzwungenen Rangfolge.
| Anbieter | Rechenzentrum/DSGVO-Status | SAP/EDI-Tiefe | Preistransparenz | DACH-Support |
|---|---|---|---|---|
| Transporeon (Trimble) | EU-Standorte, AVV nach Übernahme prüfen | Hoch, gewachsene EDI-Strecken | Nicht öffentlich | Deutschsprachig, Struktur im Wandel |
| Infios (MercuryGate) | Übergangsphase, projektabhängig | Mittel bis hoch | Nicht öffentlich | Regional unterschiedlich |
| E2open (WiseTech) | Global, primär außereuropäisch verankert | Hoch für Handel/Zoll | Nicht öffentlich | Begrenzt deutschsprachig |
| Alpega TMS | EU-Fokus | Modulabhängig | Nicht öffentlich | Deutschsprachig verfügbar |
| Descartes (3Gtms) | Global, 3Gtms US-zentriert | Hoch für Zoll/Visibility | Nicht öffentlich | Begrenzt für EU-Kernmodule |
| Shiptify | Prüfpflichtig je Vertrag | Mittel | Nicht öffentlich | Nicht flächendeckend belegt |
| ShippyPro | EU-Fokus, Parcel-Schwerpunkt | Niedrig für Fracht | Nicht öffentlich | Italienisch/Englisch primär |
| Cargoson | EU (Estland), DSGVO-konform dokumentiert | Mittel, API/EDI | Nicht öffentlich | Deutschsprachig verfügbar |
Handlungsempfehlung nach Unternehmensgröße
Konzerne mit gewachsener SAP-Landschaft und globalem Handelsnetzwerk kommen an Transporeon, Infios, E2open oder Descartes kaum vorbei, sollten aber eine Post-Merger-Due-Diligence einfordern: Wo liegt das Rechenzentrum heute, wer ist Vertragspartner, und wie sieht der Eskalationspfad im Störungsfall konkret aus? Mittelständler, die primär ihre Carrier-Landschaft konsolidieren wollen, ohne ein mehrjähriges Großprojekt zu starten, fahren mit einer spezialisierten Konnektivitäts-Schicht wie Alpega, Shiptify, ShippyPro oder Cargoson oft schneller zum Ergebnis. In beiden Fällen gilt: Nach jeder Übernahme in diesem Markt muss der AVV neu geprüft werden, nicht nur unterschrieben abgeheftet.
Fazit
Nach der Konsolidierungswelle 2025/26 zählt für DACH-Einkäufer nicht mehr, welcher Name am bekanntesten klingt, sondern welche Plattform ihre Compliance-Zusagen nach der Übernahme tatsächlich noch einhält. Prüfen Sie bei jedem der acht genannten Anbieter individuell, ob Rechenzentrumsstandort, SAP-Integrationstiefe, Preismodell und Support-SLA zu Ihrer aktuellen Systemlandschaft passen, bevor Sie einen Vertrag verlängern oder neu abschließen.