Frachtsichtbarkeit: 7 RTTV-Anbieter für DACH-Verlader

7 Real-Time-Visibility-Anbieter im DACH-Vergleich: Rechenzentrum, DSGVO, CSRD-Emissionsdaten und Kosten – für Ihre TMS-Auswahl.

Frachtsichtbarkeit: 7 RTTV-Anbieter für DACH-Verlader

Sieben Namen tauchen immer wieder auf, wenn DACH-Verlader nach Real-Time Transportation Visibility Anbieter suchen: Shippeo, project44, FourKites, Transporeon, Descartes MacroPoint, TIMOCOM und Cargoson. Sie lösen aber unterschiedliche Probleme, und keiner davon ist die richtige Wahl für jede Flotte. Dieser Beitrag ordnet sie nach den Kriterien, die für den Einkauf in Deutschland, Österreich und der Schweiz tatsächlich zählen: Rechenzentrumsstandort, Carrier-Netzwerktiefe, CSRD-Tauglichkeit und Preistransparenz.

Warum Frachtsichtbarkeit gerade jetzt zur Pflichtübung wird

Drei Treiber laufen parallel: CSRD-Berichtspflichten verlangen belastbare Scope-3-Frachtdaten, Großkunden bestehen zunehmend auf ETA-SLAs, und die DSGVO macht den Rechenzentrumsstandort zur Vertragsfrage statt zur Fußnote. Eine RTTV-Plattform sammelt dafür Standort- und Statusdaten aus Telematik, ELD-Systemen und Carrier-APIs und verdichtet sie zu einer prädiktiven Ankunftszeit. Ein modernes TMS mit eingebautem Tracking leistet einen Teil davon bereits ohne separate Lizenz, dazu später mehr.

Die Kriterien im Detail

Jeder Anbieter unten wird nach denselben fünf Punkten bewertet, nicht nach Marketingversprechen.

  • Rechenzentrumsstandort und Exposition gegenüber dem US CLOUD Act
  • Sprache und Support-Erreichbarkeit im DACH-Raum
  • Tiefe des Carrier- und TMS-Netzwerks, gemessen an öffentlich genannten Integrationszahlen
  • Vorhandene Funktion für CO2-/GHG-Daten mit Blick auf CSRD-Scope-3-Reporting
  • Preistransparenz: öffentliche Liste versus reines Anfrage-Modell

Gruppe A: Der europäische Pure-Player

Shippeo ist aktuell die einzige RTTV-Plattform mit europäischem Ursprung, die im Gartner Magic Quadrant als Leader neben project44 und FourKites geführt wird. Shippeo ist eine europäische Real-Time-Transport-Visibility-Plattform der französischen Shippeo SAS aus Paris mit Fokus auf KI-gestützte ETA-Prognosen für alle Transportmodi, seit 2025 Gartner Magic Quadrant Leader. Die Datenspeicherung erfolgt nach Anbieterangaben zu 100 % in der EU, was für DSGVO-sensible europäische Verlader ein klarer Vorteil ist, auch wenn die genaue Rechenzentrumsregion nicht öffentlich benannt wird. Netzwerkseitig ist die Plattform kein Leichtgewicht: Shippeos Netzwerk integriert mit über 1.100 TMS-, Telematik- und ELD-Systemen. Auf der CSRD-Seite liefert die Plattform bereits Emissionswerte: Ein proprietärer Machine-Learning-ETA-Algorithmus erlaubt es, CO2- und GHG-Emissionen aus dem Transportsupply-Chain präzise zu messen. Der Preis ist der übliche Wermutstropfen bei Enterprise-Software: Enterprise-Preise gibt es nur auf Anfrage, ohne öffentliche Preisliste, mit volumenbasierten Jahresverträgen plus zusätzlichen Implementierungs- und Carrier-Onboarding-Gebühren. Passt für Mittelstand und Konzern mit CSRD-Pflicht, weniger für Einzelfrachten ohne Vertragsvolumen.

Gruppe B: US-Marktführer mit EU-Region

project44 und FourKites dominieren das globale Marktvolumen, bleiben aber US-Unternehmen. Project44 und FourKites sind beide US-basierte Unternehmen, die global aktiv sind. Das bedeutet: EU-Rechenzentrumsregionen sind buchbar, die Konzernmutter unterliegt aber weiterhin US-Recht, was bei Vertragsverhandlungen eine Auftragsverarbeitungsvereinbarung mit klaren Zusatzklauseln nötig macht.

Netzwerktiefe ist bei project44 beeindruckend: Project44 allein verfügt über mehr als 1.400 Telematik-Integrationen und 80 TMS-/ERP-Integrationen. FourKites punktet ähnlich breit über sein Partnernetz, mit hunderten Enterprise-Technologieangeboten inklusive ERP, TMS, WMS und Dispatch-Systemen. Für global aufgestellte Konzerne mit Ozean- und Luftfracht-Anteil sind beide eine ernsthafte Option. Für einen deutschen Mittelständler mit überwiegend europäischen Lanes ist der Mehrwert gegenüber Shippeo oft geringer, während die CLOUD-Act-Frage im Lastenheft zusätzliche Prüfschritte auslöst.

Gruppe C: Visibility eingebaut ins Transport-Ökosystem

Transporeon, seit der Übernahme durch Trimble Inc. Teil eines US-Konzerns, bleibt operativ mit EU-Hosting positioniert. Das Carrier-Netzwerk umfasst über 210.000 Transportunternehmen und Logistikdienstleister, ergänzt um integrierte Tender-Management-Funktionalität. Für strukturierte Ausschreibungen im DACH-Raum ist das schwer zu schlagen, allerdings mit Einschränkungen: Der Enterprise-Only-Ansatz macht Transporeon für kleinere Verlader unzugänglich, und die Trimble-Übernahme 2023 hat teils Unsicherheit über die Roadmap erzeugt. Reicht das integrierte Tracking nicht aus, etwa bei komplexen multimodalen Transporten, wird die Lücke in der Praxis häufig mit einer zusätzlichen Visibility-Schicht wie Shippeo geschlossen, wie auch unabhängige Produktauswertungen festhalten.

Descartes MacroPoint tritt seltener als eigenständige Marke auf und meist als Modul im breiteren Descartes-TMS-Ökosystem. Neben project44, FourKites und Shippeo, die explizit auf Visibility-Plattformen fokussiert sind, zählen auch Transporeon und Descartes zu den wichtigen Playern in diesem Feld. Für Unternehmen, die bereits Descartes für Zoll- oder Routenplanung nutzen, ist die Zusatzfunktion naheliegend, als eigenständige Kaufentscheidung für DACH-Neukunden aber selten der Ausgangspunkt.

Gruppe D: Frachtenbörse statt echter RTTV-Lösung

TIMOCOM ist keine RTTV-Plattform im engeren Sinn, gehört aber in jede Marktübersicht, weil es die Sichtbarkeitsfrage anders löst: über den Spotmarkt statt über strukturierte Tracking-Integrationen. Timocom gilt in Europa als Synonym für diesen Marktplatz, auch wenn sich diverse Alternativen etabliert haben. Die Stärke liegt in der schieren Liquidität: Während Marktführer Timocom durch maximale Liquidität im Spotmarkt besticht, punkten Herausforderer wie Trans.eu oder Teleroute oft mit moderneren API-Integrationen. Kritikpunkt aus Anwendersicht bleibt die Systemgrenze: Die Benutzeroberfläche galt lange als solide, aber wenig innovativ, und ein häufiger Kritikpunkt ist die Geschlossenheit des Systems mit dem Wunsch nach offeneren Schnittstellen. Für spontanen Carrier-Bedarf ohne monatelanges Onboarding ist TIMOCOM relevant, für lückenlose CSRD-Emissionsdaten pro Sendung ist es die falsche Kategorie.

Gruppe E: Leichtgewichtig für den Mittelstand

Cargoson verfolgt einen anderen Ansatz als die vier genannten Enterprise-Plattformen: statt einer separaten RTTV-Lizenz bekommt der Mittelstand Sendungsverfolgung direkt im Transportmanagement-System. Cargoson ist eine europäische TMS-Plattform, die sich besonders an Hersteller, Großhändler und Handel richtet, mit Fokus auf Multi-Carrier-Versand, Carrier-Integrationen, Frachtraten und Tracking. Wer unterhalb der Schwelle liegt, ab der sich ein separates Shippeo- oder Transporeon-Enterprise-Konto rechnet, aber trotzdem mehrere Carrier parallel steuert, findet in einem Anbieter wie Cargoson Tracking, Frachtratenvergleich und Carrier-Anbindung in einem Vertrag statt in drei separaten Tools. Die Kehrseite: gegen die Netzwerktiefe von project44 oder die Gartner-Positionierung von Shippeo tritt Cargoson bewusst nicht an, das ist keine Konzernlösung.

Anbieter im Direktvergleich

AnbieterRechenzentrum / CLOUD-ActNetzwerktiefeCSRD-FunktionPreismodellIdeal für
ShippeoEU, französische SAS, kein US-Mutterkonzern1.100+ TMS/Telematik/ELD-SystemeCO2-/GHG-Messung integriertEnterprise, nur auf AnfrageMittelstand/Konzern mit CSRD-Pflicht
project44EU-Region buchbar, US-Konzern1.400+ Telematik-, 80 TMS/ERP-IntegrationenTeil des Analytics-AngebotsNicht öffentlichGlobale Konzerne, Ozean/Luftfracht
FourKitesEU-Region buchbar, US-KonzernHunderte Enterprise-IntegrationenTeil des Analytics-AngebotsNicht öffentlichGlobal, stark in Nordamerika
Transporeon (Trimble)EU-Hosting, US-Mutterkonzern seit 2023210.000+ TransportunternehmenÜber Ökosystem-PartnerEnterprise-OnlyStrukturierte Ausschreibungen DACH
Descartes MacroPointTeil des Descartes-ÖkosystemsModul im breiteren TMSÜber Descartes-SuiteNicht öffentlichBestandskunden Descartes-Suite
TIMOCOMDeutscher Anbieter, EUSpotmarkt-Liquidität, kein RTTV-NetzwerkNicht KernfunktionAbo-Modell, TestphaseAd-hoc-Frachtsuche
CargosonEU-basiertMulti-Carrier-Integrationen im TMSTracking-Basis im TMSNicht öffentlich, Demo-AnfrageMittelstand ohne Enterprise-Budget

Der regulatorische Rahmen kurz erklärt

CSRD verlangt Scope-3-Emissionsdaten, und Transportdaten sind dafür ein zentraler Baustein, weil Frachtstrecken und Verkehrsträger direkt in die CO2-Berechnung einfließen. Eine RTTV-Plattform mit eingebauter Emissionsmessung, wie sie Shippeo anbietet, verkürzt den Weg von der Sendung zum Reporting-Datenpunkt erheblich. Bei der DSGVO-Prüfung sollte der Rechenzentrumsstandort vertraglich fixiert werden, nicht nur in der Marketingaussage stehen, insbesondere wenn die Konzernmutter des Anbieters in den USA sitzt. Wichtig: RTTV-Sichtbarkeit ersetzt keine elektronischen Frachtdokumente nach eFTI, sie ist ein zusätzlicher Datenlayer, kein Substitut für die Pflichtdokumentation.

Welcher Anbieter passt zu welchem Bedarf

  • CSRD-Reporting hat Priorität und das Sendungsvolumen ist enterprise-tauglich: Shippeo prüfen, wegen der eingebauten Emissionsmessung und der EU-Datenhaltung.
  • SAP TM oder Transporeon sind bereits im Einsatz: die vorhandene Descartes- oder Transporeon-Erweiterung nutzen, statt eine zweite Plattform einzuführen.
  • Globale Lanes mit Ozean- und Luftfracht-Anteil dominieren: project44 oder FourKites wegen der breiteren internationalen Netzwerktiefe.
  • Unter 500 Sendungen pro Tag und kein Enterprise-Budget: Cargoson für Vertragsfracht mit eingebautem Tracking, TIMOCOM für spontanen Spotmarkt-Bedarf.

Checkliste vor der Anbieterauswahl

Fünf Punkte, die Sie vor Vertragsunterschrift klären sollten, unabhängig davon, welcher Anbieter oben in die engere Wahl kommt:

  • Rechenzentrumsstandort und Datenweitergabe an die Konzernmutter vertraglich fixieren, nicht nur mündlich zusichern lassen.
  • Die Auftragsverarbeitungsvereinbarung auf Zusatzklauseln für US-Mutterkonzerne prüfen, bevor der Pilot startet.
  • Einen CSRD-Datenexport testweise anfordern und gegen das eigene Reporting-Tool spiegeln.
  • Die Carrier-Coverage konkret für die eigenen Lanes verifizieren, nicht nur die globale Integrationszahl des Anbieters glauben.
  • Eine Pilotphase mit echten Sendungen verlangen, bevor ein Jahresvertrag unterschrieben wird.

Wer diese fünf Punkte vor der Unterschrift abhakt, vermeidet die häufigste Enttäuschung bei RTTV-Einführungen: eine Plattform, die auf dem Papier alles kann, aber bei der eigenen Lane-Struktur oder dem eigenen Datenschutzbeauftragten am Ende doch nachverhandelt werden muss.